Mai
31
Wefing, Soboczynski oder: Wie die Qualitätsmedien das einzige Pfund zerstören, mit dem sie wuchern könnten
Filed Under Internet Governance, Internet-Regulierung, Journalismus | 3 Comments
Nun durfte der “Philosoph” Heinrich Wefing ran. In einem Artikel in der ZEIT springt er auf die Kulturkampfwelle auf und schäumt so vor sich hin. Hat ja einige Zeit in Kalifornien verbracht, der Mann, und dort offenbar vor allem gesurft (im Meer, meine ich, im Internet kann’s nicht gewesen sein). Marcel Weiss seziert seine “Argumente” in seinem Blog netzwertig.com unter der treffenden Überschrift “Die unerträgliche Seichtigkeit der deutschen Internet-Debatte”. Ich habe einen längeren Kommentar dazu geschrieben, den ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte:
Hallo Marcel, ich muss Dir widersprechen, wenn Du schreibst “Ich sehe aber wie gesagt nicht, dass Barlows Text heute irgendeine Bedeutung in den aktuellen Debatten spielt. Ich kann mich zB nicht erinnern, wann da jemand mal Bezug darauf genommen hätte.” Ich zum Beispiel habe Bezug darauf genommen
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Aber ganz im Ernst: Das Cyberspace Manifesto, oder auch die Declaration of the Independece of Cyberspace ist ein sehr wirkmächtiges (wie die Philosophen das nennen) Dokument, auf das sich in der Tat viele Autoren bezogen haben, und das gerade unter den enorm einflussreichen Cyber-Libertarians des Silicon Valley eine große Wirkung hatte. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass es auch eine Art Gründungsdokument der EFF war. Insofern hat es diese Libertarians nicht nur gegeben, es gibt sie immer noch.
Nur unterschlägt Wefing (selbstverständlich), dass es auch von Anfang an Kritik an derartigen Ideen gegeben hat, nicht nur aus normativen/ethischen Gründen (”Wir wollen aber nicht, dass das Internet ein Raum ohne Kontrolle ist!”), sondern auch aus analytischen Gründen (”Das ist zwar ein schönes Manifest, aber es beschreibt eine Forderung, denn das Internet ist selbstverständlich kein regulierungsfreier Raum.”).
Letzeres hat Lessig beschrieben mit seinem “Code is law”, den Wefing sogar zitiert, aber (selbstverständlich) aus dem Zusammenhang gerissen. Denn er unterstellt, dass Lessig möchte, dass das Internet regulierbar ist. Das ist insofern eine falsche Darstellung, als Lessig davon ausgeht, dass es eben gar kein Raum ohne Regulierung ist, dass aber die Gefahr einer Überregulierung droht durch diejenigen, die ihre Interessen schützen wollen (z.B. die Urheberrechts-Maximalisten).
Und das ist der Grund, warum ich die Haltung der Wefings und Sobodingsbums’ auch so ärgerlich finde: sie alle argumentieren nach dem Motto “reim Dich oder ich schlag dich”. Was nicht in ihre Argumentation passt, wird einfach in ihrem Sinne umgedeutet. Das ist unredlich und genau das, was den Journalismus in Misskredit bringt. Die Redaktionen, die das nicht nur zulassen, sondern befördern, weil sie vermeintlich „Debatten“ anstoßen wollen, zerstören auf diese Art das einzige Pfund, mit dem sie noch wuchern könn(t)en: das Vertrauen, das ihre Leser in sie setzen. Denn normale Leser haben weder Zeit noch Lust, jedes Argument auf seine Richtigkeit bzw. Faktentreue zu überprüfen. Sondern sie vertrauen darauf (müssen darauf vertrauen), dass Fakten korrekt wiedergegeben werden, und auf Grundlage dieser Fakten dann eine Argumentation aufgebaut wird, die sie entweder überzeugend oder nicht überzeugend finden können.
Ich habe als Leser kein Problem damit, wenn jemand anderer Ansicht ist als ich. Aber sobald ich entdecke, dass ich verschaukelt werde, ist es aus mit der Glaubwürdigkeit. Wefings Text strotz vor derartigen manipulativen Scheinargumenten, die Du ja auch in dankenswerter Weise ausführlich sezierst. Das nur zur Klarstellung, denn nicht alles, was man nicht kennt, ist auch unbedeutend.
Mai
28
AFP-Abmahnungen: eine Gefahr für Blogs?
Filed Under DRM, Internet Governance, Internet-Regulierung, Journalismus, Lobbyismus, Publizieren, Urheberrecht, Verlage, digitales Publizieren | 6 Comments
Ein Kollege schreibt:
Interessant.
> > Dazu ne Frage. Ein User läßt den RSS von Google News auf seiner Site einlaufen, ergo auch AFP und dpa-Meldungen. Dann wird er jetzt zur Kasse gebeten?
Wie immer: schwer zu sagen
Zum einen sagt AFP ja selber: “Wir haben es nicht auf Blogger, Lehrer und Professoren abgesehen.”
Nun gut, das können sie sich auch irgendwann anders überlegen. Zum anderen: es gibt Seiten, die Nutzungsbedingungen für ihre RSS-Feeds haben. Dann gilt erstmal das, was da drin steht, etwa dass der Feed zwar für private Zwecke genutzt werden darf, aber nicht veröffentlicht. Was Google dazu sagt, weiß ich nicht; muss man mal nachschauen (habe aber gerade keine Zeit). Außerdem kann der Feed ja auch woanders herkommen (Yahoo News), dann gilt wieder was anderes.
Ob solche Bedingungen vor Gericht bestehen würden, steht auf einem anderen Blatt. Gegen Apple etwa läuft eine Klage des vzbv wegen der AGB für iTunes. In vielen AGB steht ganz schön viel Mist drin, der bei genauer Betrachtung nicht unbedingt astrein ist. Aber wenn man nicht der vzbv ist, will man auch nicht unbedingt gegen Google oder Yahoo oder Springer vor Gericht stehen.
Zum dritten: AFP geht gegen Texte vor, nicht gegen Links. Ist ein RSS-Feed-Snippet ein Text oder ein Link? AP und US-Verlage streiten mit Google über genau diese Frage, denn auch Google News veröffentlicht nur Snippets, keine Texte.
Weiterhin: die Frage, ob z.B. Nachrichten überhaupt urheberrechtlich geschützt sind, ist alles andere als klar. Hört sich überraschend an? Mag sein, aber Tatsachen an sich sind natürlich nicht schützbar (auch wenn das mancher gern anders hätte). Hat eine möglichst faktengetreue und präzise Darstellung einer Tatsache also die Schöpfungshöhe, die erreicht werden muss, damit es sich um ein Werk im Sinne des UrhG handelt? Eher nein. Bei Reportagen und Features, die auch von den Agenturen angeboten werden, ist das wahrscheinlich anders.
Wenn die dpa wirklich gegen die WAZ klagt, wäre das eine sehr spannende Auseinandersetzung. Sieht aber im Moment noch nicht so aus. (Und wenn doch, dann sollten sie sich Berater einkaufen, die nicht so ahnungslos sind wie dpa-Chef Herlyn: “Ich erinnere etwa an Matthias Döpfner, den Vorstandschef des Axel Springer Verlags, der die Idee des Copyrights und des Kopierschutzes auch für das Internet aufgebracht hat.” Ist klar, bisher gibt es kein Copyright im Internet, und Kopierschutz für Textinhalte ist auch eine Super-Idee…)
UPDATE: Ups, da hatte ich was verpasst. Offenbar hat dpa bereits rechtliche Schritte eingeleitet.
Aber, wie gesagt: der Ausschnitt allein, der durch den eingebundenen RSS-Feed erscheint, ist m.E. kein Werk, und damit nicht geschützt. Ob die berüchtigten Gerichte in Hamburg oder München, die von den Rechteinhabern in solchen Fällen regelmäßig angerufen werden, das auch so sehen, weiß man natürlich vorher nicht…
Mai
28
An alle Journalisten und Schriftsteller!
Filed Under Arbeit2.0, Journalismus | 4 Comments
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Berufskollegen! Infolge einer sehr unerfreulichen Entwicklung befindet sich das Presse- und Verlagswesen in der Bundesrepublik wirtschaftlich in einem krisenhaften Zustand. Das hat dazu geführt, dass sich die Mehrzahl der Journalisten, Schriftsteller, Pressefotografen und Zeichner in großer wirtschaftlicher Notlage befinden. [...] Infolge einer scharfen Konkurrenz unter einer weit übersteigerten Zahl von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern führen die Unternehmer ihre Sparmaßnahmen fast ausschließlich auf Kosten der geistig Schaffenden durch. Entlassungen von Redakteuren und Herabsetzung ihrer Gehälter, Kürzung der Honorare für frei schaffende Journalisten, Schriftsteller, Zeichner und Fotografen sind an der Tagesordnung.
Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor, oder? Könnte von heute sein. Ist es aber nicht. Sondern mehr als 50 Jahre alt, von 1956, aus dem Aufruf des damaligen Vorsitzenden der Fachgruppe Journalisten der IG Druck und Papier, August Enderle, in der Zeitschrift “Die Feder”, Nr. 1/1956. So viel zum Thema “früher war alles besser”…
Mai
28
Open Excess – my essay on the infamous “Heidelberger Appell” now in English
Filed Under Bücher, GoogleBooks, Lobbyismus, Open Access, Publizieren, Urheberrecht, Verlage, digitales Publizieren | Leave a Comment
Erschienen bei Signandsight.com (einem Ableger des Perlentauchers). Ist jetzt natürlich schon zwei Monate alt, aber unter Umständen dennoch hilfreich für die internationale Diskussion.
Mai
27
Red Hat klagt gegen die Schweiz wg. Free and Open Source Software
Filed Under Free and Open Source Software | Leave a Comment
Die Nachricht ist schon etwas älter, aber ich bin jetzt erst darauf aufmerksam geworden:
Der Bund hat einen 42-Millionen-Auftrag an Microsoft vergeben. Konkurrenten von Microsoft sehen sich vom Wettbewerb ausgeschlossen. In der Tat ist der Auftrag nicht öffentlich ausgeschrieben worden. Nun droht eine Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht.
So die Neue Zürcher Zeitung vom 5. Mai. Nun hat, wie Golem berichtet, eine Gruppe von Firmen, die Free and Open Source Software bzw. Dienstlesitungen dazu anbieten, Klage erhoben:
Die Unternehmen verlangen vom Schweizer Verwaltungsgericht, dass es den Vertrag annulliert und eine öffentliche Ausschreibung ansetzt. Dies ermögliche, dass Microsoft-Alternativen fair betrachtet werden, argumentiert Red Hat.
Mai
26
Off Topic: Die KSK und die Suche nach der verlorenen Zeit
Filed Under In eigener Sache, Off Topic | Leave a Comment
Ich habe ein Schreiben von der Künstlerzozialkasse bekommen:
Sehr geehrter Herr SPIELKAMP! (warum schreien die mich an?)
Die BKK xyz hat uns informiert, dass Sie die Krankenkasse zum 31.12.2007 gewechselt haben.
Wir bitten Sie daher um Übersendung einer Mitgiiedsbescheinigung Ihrer neuen Krankenkasse.
Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
[unleserliche Unterschrift]
Kein Problem, mache ich gern. Nur frage ich mich: Wo sind die Beiträge, die ich seit dem 1.1.2008, also in den vergangenen 17 Monaten, bezahlt habe? In Wilhelmshaven gehen die Uhren offenbar anders…
Mai
25
Ed Felten: A Modest Proposal: Three-Strikes for Print
Filed Under Internet Governance, Internet-Regulierung, Lobbyismus, Musik, Urheberrecht | Leave a Comment
Ed Felten, Professor für Computer Science und Public Affairs an der Princeton University, hat einen schönen Vorschlag gemacht, auf den ich jetzt erst gestoßen bin: warum nicht das französische Olivennes-Modell auch auf Pressepublikationen anwenden?
My proposed system is simplicity itself. The government sets up a registry of accused infringers. Anybody can send a complaint to the registry, asserting that someone is infringing their copyright in the print medium. If the government registry receives three complaints about a person, that person is banned for a year from using print.
Mai
24
Ilja Braun: VG Wort positioniert sich gegenüber Google
Filed Under Bücher, GoogleBooks, Publizieren, Urheberrecht, Verlage, Verwertungsgesellschaften, digitales Publizieren | Leave a Comment
Ilja Braun hat im Arbeit2.0-Blog die neuesten Entwicklungen bei der VG Wort zusammengefasst. Interessant und wichtig für alle Wahrnehmungsberechtigten:
Die VG Wort hat auf ihrer Mitgliederversammlung am 23. Mai 2009 in München im Zusammenhang mit dem umstrittenen Google Book Settlement eine Änderung ihres Wahrnehmungsvertrags sowie ihres Inkasso-Auftrags für das Ausland beschlossen. Die Versammlung orientierte sich dabei im Wesentlichen an den bereits im Vorfeld veröffentlichten Entwürfen.
Mai
24
ClickandBuy sucks
Filed Under In eigener Sache, Off Topic | Leave a Comment
Nicht wirklich eine Überraschung. Ich hatte den Dienst schon so lange nicht mehr genutzt, dass ich das Passwort noch unter Firstgate abgespeichert hatte… Nun wollte ich tatsächlich einen Artikel kaufen, den ich sonst nicht mehr bekommen konnte (”Die Demokratiemaschine. Der Spiegel ist in die Jahre gekommen – Ein Gedenkblatt zum 50. Geburtstag ” des wunderbaren Claus Koch aus der SZ vom 11. November 1997). Lobenswert ist ja, dass ich mich noch problemlos einloggen konnte.
Allerdings muss man, wenn man seine 2 Euro ausgeben möchte, noch sein Geburtsdatum eingeben. Im Format TT.MM.JJJJ. Was für Internet-Anfänger ja u.U. eine Hürde darstellen könnte. Nun habe ich das sicher schon 1.000 Mal gemacht in meinem Leben; es kam also ziemlich unerwartet, dass mir immer wieder gesagt wurde, ich habe das Datum im falschen Format eingegeben. Bis dann, nachdem ich es das dritte Mal im richtigen Format eingegeben habe, der Hinweis kam, mein Account sei nun gesperrt. Aha. Nix mit Geldausgeben per Micropayment im Internet also.
Ich hab also an ClickandBuy geschrieben, dass etwas mit Ihrem System nicht stimmen kann. Das war vor vier Tagen. Heute kam eine Mail. Hier der Inhalt, mit meiner Antwort:
Sehr geehrte Damen und Herren,
> > Ihr ClickandBuy-Konto wurde wegen der wiederholten Fehleingabe Ihres
> > Geburtsdatums gesperrt.Das mag sein, dass Sie das so sehen. Nur habe ich es Ihnen schon in
meiner ersten E-Mail geschrieben: ich bin nicht zu dumm, mein
Geburtsdatum einzugeben.> > Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass es sich hierbei um einen
> > Sicherheitsmechanismus handelt, der letztendlich Ihrem Schutz dient und
> > etwaige Versuche Dritter, missbräuchlich auf Ihr ClickandBuy-Konto
> > zuzugreifen, verhindern soll.Wenn Ihre Site funktionieren würde, hätte ich dafür Verständnis.
> > Bedauerlicherweise ist es zur Freischaltung Ihres ClickandBuy-Kontos
> > notwendig, dass Sie uns eine Kopie Ihres Personalausweises zukommen lassen.
> > Mit dieser Kopie können wir zum einen Ihre Identität überprüfen und daraufhin
> > Ihr ClickandBuy-Konto wieder aktivieren. Zum anderen können wir anhand der
> > Informationen Ihres Personalausweises etwaige Fehleingaben in Ihren Stammdaten
> > korrigieren.Ich verzichte auf die Freischaltung und auf Ihre Dienste. Bitte löschen
Sie umgehend mein Konto und schicken Sie mir eine Bestätigung darüber.Mit freundlichem Gruß,
Matthias Spielkamp> >
> > Wir möchten Sie bitten, uns die Personalausweis-Kopie an die Adresse
> > service@de.clickandbuy.com oder per Fax an: +49 (0) 221 / 26 0 11 89 zukommen
> > zu lassen. Sollten Sie uns die Kopie per Email zusenden, möchten wir Sie
> > bitten, uns diese entweder im jpg- oder im pdf-Format zuzuschicken.
> >
> > Bitte beachten Sie, dass die angehängte Datei nicht größer als 1 Megabyte ist.
Diese Mail habe ich um 11.11 Uhr geschickt. Um 11.25 Uhr kam die Mail mit der Bestätigung meiner Kündigung. Inhalt:
Sehr geehrter Herr Spielkamp,
mit dieser Nachricht bestätigen wir, dass Ihr ClickandBuy-Konto
gekündigt wurde.Am 24.05.2009 erhalten Sie einen abschließenden Kontoauszug, und
Ihre persönlichen und finanziellen Daten werden aus unserem System
entfernt.Wir würden uns über Ihre Meinung zu Ihren Erfahrungen als
ClickandBuy-Mitglied freuen, damit wir unsere Servicequalität auch
weiterhin verbessern können.
Auf meinem Schreibtisch steht ein Dilbert-Kalender. Wie kommt es nur, dass ich die Comics darin alle so realitätsnah finde?
Mai
22
Doller Service: Die Böll-Stiftung stellt die Diskussion mit Lessig online
Filed Under Bücher, DRM, E-Books, GoogleBooks, Internet Governance, Internet-Regulierung, Journalismus, Lobbyismus, Musik, Publizieren, Urheberrecht, User Generated Content, Veranstaltungen, Verlage, Video, Wirtschaft, digitales Publizieren | 2 Comments
Das wäre ja noch nix Besonderes, aber es gibt sie schön nach Fragen portioniert. Vorbildlich.


