Nun bin ich endlich dazu gekommen, mir zumindest einen Teil des Dokumentarfilms “RIP – A remix manifesto” anzuschauen. Der Film ist fantastisch: die Musik von Girl Talk ist mitreißend, und die Szene, in der Filmemacher Brett Gaylor der völlig sprachlosen Chefin des United States Copyright Office, Marybeth Peters, vorführt, wie Girl Talk ein Mashup erstellt, ist für die Ewigkeit (bei ca. 9.30 min.).

Ein Anwalt in Hamburg hat Strafanzeige gegen Google erstattet, weil über Youtube urheberrechtlich geschützte Videos angeboten werden, ohne dass die Rechteinhaber ihre Erlaubnis dazu gegeben haben. Einem Bericht des Hamburger Abendblatts zufolge bestätigte  die Staatsanwaltschaft, Ermittlungen aufgenommen zu haben.

Der Fall hat große Ähnlichkeit mit der Auseinandersetzung zwischen Viacom und Youtube in den USA. Vor kurzem hatte ich Bill Rosenblatt interviewt, der auf den Fall eingegangen ist. Hier noch einmal die Stelle, von der ich denke, das sie auch den Hintergrund des deutschen Falls erläutern hilft:

Sie haben an anderer Stelle gesagt, dass die Klage Viacoms gegen Youtube großen Einfluss auf Googles Buchprojekt haben kann. Wie hängen diese beiden Fälle zusammen?

Viacom hat Youtube auf circa zwei Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt, um zu verhindern, dass urheberrechtlich geschützte Videos bei Youtube gezeigt werden. Viacom will, dass Youtube jedes Video daraufhin kontrolliert, ob Rechte verletzt werden oder nicht. Die Inhalte sollen also daraufhin gefiltert werden, ob sie urheberrechtlich geschütztes Material enthalten oder nicht. Youtube, das Google gehört, widerspricht und sagt, dass man alles tut, was das US-Recht verlangt.

Zum einen, indem jeder Rechteinhaber den sogenannten “Notice and takedown”-Weg gehen kann: Wenn Youtube darauf aufmerksam gemacht wird, dass ein Video Urheberrechte verletzt, wird es sofort gelöscht. Zum anderen sagt Youtube, dass es Fingerprintingsysteme bereits einsetzt, um Videos zu filtern, aber es gibt viele Zweifel daran, wie engagiert das gemacht wird und wie effektiv es ist. Viacom geht das ohnehin nicht weit genug. Es will erreichen, dass Youtube jedes Video, das dort veröffentlicht wird, vorab auf seine Rechtmäßigkeit prüft. Youtube müsste also eine Art Haftung für das Verhalten Dritter übernehmen.

Und warum will Viacom das erreichen?

Weil es verhindern will, dass die Inhalte überhaupt auf Videosites landen, und weil es Youtube zwingen will, die Kosten zu übernehmen. Viacom zahlt Millionen und Abermillionen Dollar dafür, Videos daraufhin zu prüfen, ob seine Rechte verletzt sind – nicht nur bei Youtube, sondern auch bei Dailymotion und woanders. Es gibt tatsächlich Räume voll mit Menschen, meist Studenten, die auf Youtube herumsuchen. Das ist eine Sisyphosaufgabe, die eine Menge Geld kostet.

Die Hoffnung, dass der Kongress ein Gesetz zugunsten von Viacom erlässt, hat die Firma im Moment aufgegeben, also ist sie vor Gericht gezogen. Wenn das Gericht zugunsten von Viacom entscheidet, dann sind auch bei Google Books die Karten neu gemischt. Es kann aber noch Jahre dauern, bis eine Entscheidung fällt. Das Verfahren läuft seit zwei Jahren und das Gericht ist noch immer bei der Beweisaufnahme. Wahrscheinlich wird es eine außergerichtliche Einigung geben, denn ein Gerichtsverfahren ist ein Glücksspiel. (Hier das gesamte Interview)

Es ist nicht überraschend, dass es nun auch in Deutschland zu der Anzeige gegen Google gekommen ist; ich frage mich vielmehr, warum es so lange gedauert hat.

Bei Golem.de gibt es eine gute Zusammenfassung der Stellungnahmen, mit denen verschiedene Interessenvertretungen auf den Fragebogen des Justizministeriums geantwortet haben:

Streit über Privatkopien und Open Access
Positionen zum dritten Korb der Urheberrechtsreform

Mitte Februar 2009 hatte das Bundesjustizministerium eine Umfrage zur “Prüfung weiteren gesetzgeberischen Handlungsbedarfs im Bereich des Urheberrechts” gemacht. Jetzt gibt es – ganz unterschiedliche – Antworten: zu Open Access, Privatkopien und dem Handel mit gebrauchter Software.

Weiter.

Markus Weiland hat eine kurze (aber aufwändige) Analyse veröffentlicht, in der er die Nutzungsbedingungen der bekanntesten Video-Dienste vergleicht. Sehr informativ. Leider nur auf Englisch. Für deutsche Nutzer fehlen Sevenload und Clipfish, die ja doch recht viel genutzt werden. Vielleicht komme ich irgendwann dazu, mir deren AGB anzusehen. Oder hat es jemand schon getan? Ich bitte um Hinweise.

Am Freitag werde ich die Diskussion mit Larry Lesig bei Spielstand Spezial: Copyright Wars – Vergnügen und Unbehagen an der digitalen Kultur der Böll-Stiftung moderieren. Wie sich das für einen Moderator gehört, werde ich dem  Publikum den Vortritt lassen. Aber dazu gehören ja auch die, die am Freitag nicht dabei sein können. Daher wüsste ich gern, welche Fragen Sie / Ihr an Lessig haben / habt. Unter Umständen kann ich ja die eine oder andere stellen. Bitte einfach in die Kommentare schreiben. Danke!

Der Regisseur Paul Schrader (American Gigolo) hat einen neuen Film gedreht. Darum soll es hier nicht gehen, obwohl die Geschichte wirklich faszinierend ist. Wen das interessiert, der liest das Interview mit Schrader in der taz.

Darin auch die zwei Antworten, die ich für das immateriblog bemerkenswert finde:

Sie haben in den Siebzigerjahren die Filmindustrie schon einmal in der Krise erlebt.

Anfang der Siebzigerjahre war die Krise eine Krise des Inhalts. Die Bürgerrechtsbewegung, Drogenkonsum, Kriegsgegner, Frauenrechte, auf all das war Hollywood nicht vorbereitet. Wir haben neue Figuren erschaffen, Antihelden, und neue Themen auf die Leinwand gebracht. Für rund fünfzehn Jahre haben wir interessante Filme gemacht. Heute erlebt die Filmindustrie wieder eine Krise, nur geht es nicht mehr um den Inhalt, sondern um die Form. Wir wissen nicht mehr, was Filme sind. Wir wissen nicht, wie man sie anschauen soll, wir wissen nicht, ob sie interaktiv sein sollen, ob sie zwei- oder dreidimensional sind, ob man sie auf einem Mobiltelefon oder auf dem Computer ansieht.

Wir befinden uns also in einer Krise. Aber die ist nicht annähernd so interessant wie eine Krise des Inhalts. Diese Krise der Form betrifft alles. Der Film, wie wir ihn kennen, ist jedenfalls an seinem Ende. Er gehört dem 20. Jahrhundert an. Und wir wissen nicht, was als Nächstes kommt. Und schlimmer noch: Keiner weiß, wie man mit den neuen Medien Einkünfte erzielen soll.

Liegt darin keine Chance?

Ich selbst wüsste nicht, wie ich heute in der Filmindustrie etwas anfangen sollte. Mein Assistent allerdings, der gerade erst seine Filmschule abgeschlossen hat und Filme für das Internet macht, kann es gar nicht abwarten, dass die gesamte Branche zusammenbricht!

So knapp zusammengefasst von einem Kenner der Branche bekommt man das selten: wir sind im Grunde mit unserem Latein am Ende, weil wir nicht wissen, wie wir noch Geld verdienen sollen. Aber viele derjenigen, die neu in die Branche kommen, sind ganz verrückt darauf, auszuprobieren, was dann kommt. Ich hoffe allerdings, dass auch in Zukunft noch Spielfilme gedreht werden können, die man “allein mit vielen anderen” im Kino anschauen kann. Aber ich bin auch schon alt.