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Einloggen13 – oder: Social Media und Journalismus

Juni 13th, 2010 · 7 Comments · Bürgerjournalismus, Citizen Journalism, In eigener Sache, Journalismus, Publizieren, digitales Publizieren

15 Volontärinnen und Volontäre der Evangelischen Journalistenschule haben ein Online-Magazin zum Thema Journalismus und Social Media produziert – in zweieinhalb Tagen.

eiloggen13

Bis auf die automatisierte Twitterschau (die auch nicht immer zuverlässig funktioniert), ist es hier in den vergangenen Wochen recht still gewesen. Dafür gibt es einen Grund: Zum fünften Mal habe ich an der  evangelischen Journalistenschule drei Wochen lang die so genannte „Lehrredaktion Online“ unterrichtet. (Dieses Mal zusammen mit dem großartigen Kollegen Peter Berger.)

Die Lehrredaktion online gehört zur 18monatigen Ausbildung der Volontärinnen und Volontäre. In dieser Zeit soll ihnen vermittelt werden, was „Journalismus online“ ist, sein kann und vielleicht sein wird.

Drei Wochen hört sich nach einer langen Zeit an, aber wenn man sich das Curriculum (PDF, 96 kb) ansieht, dann stellt man fest, dass sie sehr knapp sind. Denn mein Anspruch ist es, zum einen das Handwerk (Schreiben fürs Web, Grundlagen der Fotobearbeitung, Audio-Slideshow etc.) und den Umgang mit Werkzeugen zu vermitteln (CMS, Social Media Tools etc.), zum anderen aber auch einen reflektierten Überblick über die Entwicklungen im Journalismus zu geben. Und diese Entwicklungen kristallisieren eben besonders in der Debatte über „das Internet“ – und was es mit „dem Journalismus“ macht.

Das Internet und die Zukunft des Journalismus

Eigentlich keine Frage, die auf eine Lehrredaktion online begrenzt sein sollte, aber ich kenne es nun seit mehr als zehn Jahren, dass Internet-Themen mit Online-Journalismus gleichgesetzt werden. Beste Beispiele sind Recherche online (welcher Print-, Radio- oder Fernsehjournalist kann darauf verzichten?) und die Debatte um die Internet-Regulierung, die als Online-Thema verstanden wird – was ungefähr so schlüssig ist, wie die Auseinandersetzung über die Gesundheitsreform ausschließlich im „Gesundheitsmagazin Praxis“ zu verhandeln.

Deutlich wird das an der Leseliste, die ich für die Lehrredaktion zusammengestellt habe. Ich habe sie nun vom (internen) Wiki hier auf eine Seite gehoben und würde mich sehr über Anregungen und Kommentare dazu freuen.

Außerdem gab es zwei  Gastdozenten (Jan Persiel zu Photoshop und Till Kreutzer zu Online-Recht) und vier Gäste: Thierry Chervel, Mitgründer des Perlentauchers, Kai Schächtele, freier Journalist und derzeit auf Slideshow-Safari in Südafrika, Sascha Pallenberg von netbooknews (per IP-Telefonie aus San Francisco) und Markus Beckedahl von netzpolitik.org. Es waren spannende Diskussionen, die sich da entwickelt haben, und ich hätte es mir einerseits gewünscht, dass sie per Video dokumentiert wären. Andererseits hätte es sicher dazu geführt, dass der eine oder andere dann nicht mehr so frei von der Leber weg gefragt und geantwortet hätte.

Was Peter und mir gelegen kam ist, dass die Lehrredaktion die letzte der Ausbildung ist, d.h. die Volos haben schon Print in verschiedenen Variationen, Radio und Fernsehen hinter sich gebracht, außerdem ein eigenes, tolles Magazin produziert: Einsichten13 (inkl. Facebook-Seite) – daher auch der nicht ganz selbsterklärende Name “Einloggen13″ des Online-Magazins.

Im Schweinsgalopp

Ein eigenes Produkt sollte natürlich auch das Ergebnis der Lehrredaktion online sein. Im Gegensatz zum Printmagazin, wo vier oder sogar sechs Wochen dafür zur Verfügung standen, hatten die Volos in diesem Fall aber etwas weniger Zeit – zweieinhalb Tage, um genau zu sein. Von der Themenfindung über die Recherche bis zur Produktion.

Das schreibe ich deshalb so explizit, weil es einigen Teilnehmern schwer fiel, das Resultat mit ihrem (lobenswerten) journalistischen Anspruch und Perfektionismus in Einklang zu bringen und zwischenzeitlich sogar überlegt hatten, das produzierte Online-Magazin hinter einem Passwortschutz verschwinden zu lassen. Ich bin sehr froh, dass das dann doch nicht passiert ist – denn es wäre schade, wenn dieses fantastische Ergebnis jetzt nicht zu sehen wäre.

15 Beiträge sind in den drei Tagen entstanden, darunter drei Videos und einige Audiointerviews. Schon die Themenkonferenz hat Peter und mich begeistert: in null Komma nix waren 30 sehr gute Ideen für Geschichten gefunden, von denen dann 15 übrig geblieben sind. Darunter ein Interview mit Cynthia Typaldos, die den Bezahldienst Kachingle erfunden hat, und die von Autorin Christiane Hawranek auf dem Berliner Hauptbahnhof abgepasst wurde, ein Text dazu, was APIs für den Journalismus bedeuten, über dem Autorin Karola Kallweit fast zur Hackerin geworden ist (naja: fast ;-) ). Nadine Ahr und Lilith Becker haben untersucht, was deutsche Zeitungsverlage bei Facebook treiben, Martin Rothe hat sich das Heddesheimblog & Co. angeschaut, Vera Pache das Modemagazin I Like My Style, das aus einer Internet-Community entstanden ist, Jan Mölleken fragt, was denn Journalisten eigentlich mit Twitter anfangen sollen. Und so vieles  mehr. Unten Links zu allen Artikeln in der Ressortstruktur wie auf der Site.

Meiner Ansicht nach ist das Experiment, Journalisten ein Magazin zum Verhältnis von Social Media und Journalismus mit den Mitteln von Journalismus und Social Media produzieren zu lassen, aufgegangen. Schön ist, dass sich jeder davon selbst überzeugen kann. Und auch die Kommentarfunktion ist offen.

Ressort Mensch

Revolution an der Graswurzel - Medienprojekte wie „InsightShare“ oder das Bloggerportal „Rising Voices“ glauben an die beste aller möglichen Welten: Eine Welt, in der die Entrechteten ihre Stimme erheben. von Christina Felschen

„In den USA dreht sich alles um Geld, Geld, Geld“ - Cynthia Typaldos tourt zurzeit durch Deutschland. In einem großen blauen Rollkoffer transportiert die 59-Jährige Infos über ihren Bezahldienst Kachingle – und stapelweise Fotos von ihrem Hund Bunny. (mit Audio-Interviews) von Christiane Hawranek

Glauben an die Nische - Sie bloggen, wo die NPD aufmarschiert, laden Videos über Mikrokredite auf youtube und facebook. In Blogs, social networks oder bei twitter ist die Nische das Kapital. von Tanja Tricarico

Konkurrent Blogger? - Der Medienwissenschaftler Dr. Stefan Höltgen über Weblogs und Journalismus. (Video) von Christoph Cöln

Was ist eigentlich Social Media?Social Media: Eine Umfrage. (Video) von Nadine Ahr und Lilith Becker

Köhler aus dem Amt gebloggt? - Blogger feiern ihren Einfluss beim Rücktritt Köhlers. Den „etablierten Medien“ werfen sie vor, schnarchnasig zu sein oder sogar, unter Zensur zu stehen. Was ist dran an dem Vorwurf? von Silke Kehl und Monika Konigorski

Ressort Marke

Trinkgeld für die digitale Kaffeekasse - Noch spielen nur wenige Blogs Geld ein. Auch die Bezahldienste Flattr und Kachingle bringen nur Centbeträge. Doch die Zahl der Internetseiten, die die Online-Spendenbüchsen nutzen, wächst und wächst. von Christiane Hawranek

Feedback bei Facebook - Immer mehr Zeitungen haben Fanseiten in sozialen Netzwerken. Leser können Artikel kommentieren und bewerten. Aber was bringt das? Wir haben nachgefragt bei Zeit, Welt und Taz.?von Nadine Ahr und Lilith Becker

Lokalblogger statt Bratwurst-Journalist - Heddesheimblog & Co. sind die Schreckgespenster der Lokalzeitungen. Andere feiern sie als Wiedergeburt des kritischen Lokaljournalismus. Aber lässt sich damit Geld verdienen? von Martin Rothe

Mein Stil, meine Fotos – Dein Magazin - Erst im Netz und dann auf Papier. I Like My Style ist das erste Modemagazin, das aus eine Internet-Community entstanden ist. von Vera Pache

Marke werden – aber wie?Ein Chef, ein Job von neun bis fünf, ein festes Gehalt – das war gestern. Heute müssen Journalisten sich breit aufstellen und zu Unternehmern werden. Ein Besuch in der Zukunft. von Jana Petersen und Adrian Pickshaus

Ressort Maschine

Zwitschern für JournalistenVerleger und Chefredakteure lieben es. In Redaktionen gilt es als das Ding der Zukunft. Aber mal im Vertrauen: Wissen Sie wirklich, was Twitter ist und wozu man es brauchen kann? von Jan Mölleken

Die Speisung der Fünftausend – das Guardian-Experiment - API statt Bezahlinhalt: Der Guardian stellt seine Inhalte kostenlos anderen Webseiten zur Verfügung. Porträt eines Konzepts, dass eine Erfolgsgeschichte werden könnte. von Karola Kallweit

Besser suchen bei Twitter - Twitter kann für Journalisten auf Newssuche ein hilfreicher Freund sein – oder ein quälendes Ärgernis. Diese Tipps und Tools zur besseren Suche sparen Zeit und schonen die Nerven. von Jan Mölleken

Und zur Unterhaltung gleich hier die Umfrage: Was ist eigentlich Social Media?

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