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Bundespräsident Horst Köhler und die armen Poeten

Juni 17th, 2009 · 2 Comments · Bücher, Journalismus, Lobbyismus, Publizieren, Urheberrecht, Verlage

(Update vom 18. Juni angehängt)

Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels befragt Horst Köhler und macht eine Pressemitteilung draus. dpa verschickt sie an Redaktionen, und die Süddeutsche veröffentlicht das pflichtschuldig als Meldung. „Ich finde es nicht gut, dass viele inzwischen durch die Möglichkeiten des Internets einen Anspruch auf kostenlose Nutzung künstlerischer und geistiger Produktion zu haben glauben. Das ist eine Art geistiger Ausbeutung oder gar Enteignung“, wird Köhler zitiert. Natürlich geht es ihm um die Künstler:

Gute Arbeit müsse ihren Lohn haben, auch im geistigen und künstlerischen Bereich. «Die Vorstellung vom armen Poeten gehört – dem Urheberrecht sei Dank – dem vorigen Jahrhundert an», sagte Köhler.

Gemeldetes Arbeitseinkommen der bei der Künstlersozialkasse versicherten Publizisten 2008: 16.232 Euro. Keine armen Poeten mehr also.

Weiter heißt es in der Süddeutschen:

Das «Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel» erscheint wöchentlich in einer Auflage von 11 000 Exemplaren als Fachzeitschrift der Buchbranche. Herausgeber ist der Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Das ist ungefähr so wie zu schreiben: Die ADAC Motorwelt ist die Fachzeitschrift der deutschen Autobranche.

Kleine Anekdote am Rande: Beim „Branchenhearing Buchmarkt“, organisiert vom Bundeswirtschaftsministerium als Teil der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft, hielt Michael Söndermann einen Einführungsvortrag zur wirtschaftlichen Bedeutung des Buchmarkts. Söndermann ist für den sehr interessanten Forschungsbericht Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland verantwortlich. Zu diesem Zweck habe er sich auch das Kompendium „Buch und Buchhandel in Zahlen“ des Börsenvereins angeschaut, da darin der Börsenverein die wirtschaftliche Lage der Branche beschreibt. Er habe sich sehr gewundert, so Söndermann, dass er auf mehr als 130 Seiten nicht ein einziges Mal das Wort „Autor“ gefunden habe…

Übrigens: in der Wiedergabe seiner Rede im Bericht zum Hearing (PDF, 4,4 MB) kommt diese Bemerkung nicht vor. Am Platz kann es nicht gelegen haben: Söndermanns Vortrag ist auf zwei Seiten zusammengefasst. Die Rede von Karl-Peter Wiechers, dem Vorsitzenden des Verlegerausschusses im Börsenverein, ist auf fünf Seiten abgedruckt.

Update, 18. Juni: Inzwischen ist das Interview erschienen, und es ist wieder mal herrlich mit anzusehen, was unabhängiger Journalismus alles leisten kann. Stefan Hauck stellt die ganz unverfängliche und un-suggestive Frage:

Im Internet ist Information meist kostenlos verfügbar, was bei Heranwachsenden dazu führt, dass sie nicht verstehen, warum sie für Inhalte Geld ausgeben sollen – auch bei Downloads und E-Books. Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass Autoren und Illustratoren für ihre Werke entlohnt werden?

auf die Köhler dann oben zitierte Antwort gibt.

2008 haben nach Angaben im Forschungsbericht Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland des BMWi folgende Branchen an Umsatz erzielt:

  • Musikwirtschaft: 5,442 Mrd. Euro
  • Filmwirtschaft: 7,637 Mrd. Euro
  • Rundfunkwirtschaft: 7,879 Mrd. Euro
  • Software-/Games-Industrie: 26,461 Mrd. Euro
  • Pressemarkt: 26,990 Mrd. Euro

Dieses Geld haben dann wohl nur Erwachsene ausgegeben. Bin gespannt auf die entsprechende Studie des Börsenvereins.

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2 Comments so far ↓

  • AndreasP

    Ein BuPrä ist doch dafür da, in Sonntagsreden jeder Bevölkerungsgruppe und jedem Lobbyverein zu sagen, was die gerade hören wollen. Das macht Köhler doch ganz ausgezeichnet.

  • Matthias Spielkamp

    Ist ja richtig. Aber ich werde mich doch wohl ein wenig drüber aufregen dürfen, oder? 😉 Und über die SZ natürlich…