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Matthias Spielkamp über Immaterialgüter in der digitalen Welt

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Google Books: Ein Leserbrief an die „Welt“

Juni 4th, 2009 · 1 Comment · digitales Publizieren, GoogleBooks, Journalismus, Publizieren, Urheberrecht

Sehr geehrte Damen und Herren,

die „skandalöse geistige Enteignung“, von der Herr Werner schreibt, muss man wohl so verstehen, dass die Mehrzahl derjenigen, die über das Google-Books-Projekt schreiben, geistig dazu nicht geeignet sind. Unter „entrechteten Autoren“ und gar einem „unrechtmäßigen Bücherraubzug“, den man sich mit vorgehaltender Maschinenpistole vorstellt, geht es wohl nicht mehr.

Aber auch, wenn Herr Werner es nicht begreifen oder anerkennen will: Google hat mit seinem Vorgehen nicht gegen das Urheberrecht verstoßen. Sondern etwas getan, das zwar auch nach dem US-Copyright umstritten ist (Bücher einzuscannen und öffentlich abrufbar zu machen) – aber eben genau das: umstritten. Dagegen haben US-Verleger und -Autorenverbände geklagt.

Einige der prominentesten US-Urheberrechtler sind der Ansicht, dass Google eine große Chance gehabt hätte, das Verfahren zu gewinnen, darunter auch einer der schärfsten Kritiker des Settlements, James Grimmelmann von der New York Law School. Auch deshalb haben die Verleger und Autoren sich auf dieses Settlement eingelassen. Was Google tut, ist absolut rechtmäßig. Zu schreiben, das sei es nicht, ist wie zu argumentieren, die „Welt“ verstößt gegen das Presserecht, weil die freie Meinungsäußerung in Birma verboten ist.

Dass die Einigung, die nun ausgerechnet die Autoren- und Verlegervertreter ausgehandelt haben – also in Werners Welt offenbar die Sachwalter der Kultur (neben solchen Geistesgrößen und Urheberrechtsexperten wie Frank Walter Steinmeier natürlich) –, sehr bedrohlich sein kann, weil sie Google zu Monopolrechten verhelfen würde, und das alles getan werden muss (und auch bereits wird, allerdings fast ausschließlich von US-Bürgern und Institutionen) um das zu verhindern, steht auf einem völlig anderen Blatt.

Aber das eine (die Fakten) und das andere (die Einschätzung) auseinander zu halten, ist offenbar zu viel verlangt. Dafür ist Google offenbar ein zu geeigneter Bösewicht. Das ist durchaus von Google selbst verschuldet. Schlechter Journalismus ist es dennoch.

Mit freundlichem Gruß,

Matthias Spielkamp

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