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Wefing, Soboczynski oder: Wie die Qualitätsmedien das einzige Pfund zerstören, mit dem sie wuchern könnten

Mai 31st, 2009 · 3 Comments · Internet Governance, Internet-Regulierung, Journalismus

Nun durfte der “Philosoph” Heinrich Wefing ran. In einem Artikel in der ZEIT springt er auf die Kulturkampfwelle auf und schäumt so vor sich hin. Hat ja einige Zeit in Kalifornien verbracht, der Mann, und dort offenbar vor allem gesurft (im Meer, meine ich, im Internet kann’s nicht gewesen sein). Marcel Weiss seziert seine “Argumente” in seinem Blog netzwertig.com unter der treffenden Überschrift “Die unerträgliche Seichtigkeit der deutschen Internet-Debatte”. Ich habe einen längeren Kommentar dazu geschrieben, den ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte:

Hallo Marcel, ich muss Dir widersprechen, wenn Du schreibst “Ich sehe aber wie gesagt nicht, dass Barlows Text heute irgendeine Bedeutung in den aktuellen Debatten spielt. Ich kann mich zB nicht erinnern, wann da jemand mal Bezug darauf genommen hätte.” Ich zum Beispiel habe Bezug darauf genommen ;-)

Aber ganz im Ernst: Das Cyberspace Manifesto, oder auch die Declaration of the Independece of Cyberspace ist ein sehr wirkmächtiges (wie die Philosophen das nennen) Dokument, auf das sich in der Tat viele Autoren bezogen haben, und das gerade unter den enorm einflussreichen Cyber-Libertarians des Silicon Valley eine große Wirkung hatte. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass es auch eine Art Gründungsdokument der EFF war. Insofern hat es diese Libertarians nicht nur gegeben, es gibt sie immer noch.

Nur unterschlägt Wefing (selbstverständlich), dass es auch von Anfang an Kritik an derartigen Ideen gegeben hat, nicht nur aus normativen/ethischen Gründen (”Wir wollen aber nicht, dass das Internet ein Raum ohne Kontrolle ist!”), sondern auch aus analytischen Gründen (”Das ist zwar ein schönes Manifest, aber es beschreibt eine Forderung, denn das Internet ist selbstverständlich kein regulierungsfreier Raum.”).

Letzeres hat Lessig beschrieben mit seinem “Code is law”, den Wefing sogar zitiert, aber (selbstverständlich) aus dem Zusammenhang gerissen. Denn er unterstellt, dass Lessig möchte, dass das Internet regulierbar ist. Das ist insofern eine falsche Darstellung, als Lessig davon ausgeht, dass es eben gar kein Raum ohne Regulierung ist, dass aber die Gefahr einer Überregulierung droht durch diejenigen, die ihre Interessen schützen wollen (z.B. die Urheberrechts-Maximalisten).

Und das ist der Grund, warum ich die Haltung der Wefings und Sobodingsbums’ auch so ärgerlich finde: sie alle argumentieren nach dem Motto “reim Dich oder ich schlag dich”. Was nicht in ihre Argumentation passt, wird einfach in ihrem Sinne umgedeutet. Das ist unredlich und genau das, was den Journalismus in Misskredit bringt. Die Redaktionen, die das nicht nur zulassen, sondern befördern, weil sie vermeintlich „Debatten“ anstoßen wollen, zerstören auf diese Art das einzige Pfund, mit dem sie noch wuchern könn(t)en: das Vertrauen, das ihre Leser in sie setzen. Denn normale Leser haben weder Zeit noch Lust, jedes Argument auf seine Richtigkeit bzw. Faktentreue zu überprüfen. Sondern sie vertrauen darauf (müssen darauf vertrauen), dass Fakten korrekt wiedergegeben werden, und auf Grundlage dieser Fakten dann eine Argumentation aufgebaut wird, die sie entweder überzeugend oder nicht überzeugend finden können.

Ich habe als Leser kein Problem damit, wenn jemand anderer Ansicht ist als ich. Aber sobald ich entdecke, dass ich verschaukelt werde, ist es aus mit der Glaubwürdigkeit. Wefings Text strotz vor derartigen manipulativen Scheinargumenten, die Du ja auch in dankenswerter Weise ausführlich sezierst. Das nur zur Klarstellung, denn nicht alles, was man nicht kennt, ist auch unbedeutend.

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3 Comments so far ↓

  • Alexander

    Einmal noch kurz zum Barlow-Text: Wirkmächtig ja, aber dann eben doch zu einem Zeitpunkt entstanden, an dem Larry Page gerade ein Forschungsprojekt begonnen hat, aus dem bis Jahresende 1996 eine Suchmaschine names “BackRub” entsteht. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Vergabe von Länder-Top-Level-Domains noch in der Hand eines bärtigen Informatikers namens Jon Postel liegt. Zu einem Zeitpunkt, an dem CompuServe erstmals nicht-numerische Mailadressen vergibt. Wirkmächtig bei einer Gruppe, die ebenso schnell eine verschwindende Minderheit geworden ist, wie es zuvor die Forscher waren, denen das Netz mal gehörte. Inzwischen ist diese Unabhängigkeitserklärung doch schon ein paar Jahre lang nur noch eine Pappfigur, die immer aufgestellt wird, wenn jemand das anarchische Internet beschwören will, dass es so gar nicht gibt, vielleicht auch nie gab.

  • Marcus

    @ Alexander:
    Deine “ja, aber”-Konstruktion geht mir nicht auf. Natürlich war es ein – ideengeschichtliches – Dokument seiner Zeit.

    Was Barlow selbst 10 Jahre später über sein Manifest denkt, kann man in einem Vortrag für die European Graduate School hier anhören:
    http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=Zgq6bHOE1T0

  • Alexander

    @Marcus: Ich wollte nur hervorheben, dass ein Text, der sich auf das Internet anno 1996 bezieht, viel schneller gealtert ist als viele andere Texte aus diesem Jahr zu anderen Themen. Leider hat er sich gerade im wissenschaftlichen Bereich für meinen persönlichen Geschmack länger gehalten als sein Haltbarkeitsdatum es hergab.

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