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Matthias Spielkamp über Immaterialgüter in der digitalen Welt

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Wie die FAZ Pamela Samuelson verwurstet. Oder: Reim dich, oder ich schlag dich.

April 26th, 2009 · 5 Comments · Creative Commons, E-Books, Open Access, Publizieren, Urheberrecht, Verlage, digitales Publizieren

Vor einigen Tagen habe ich auf Pamela Samuelsons Aufsatz The Dead Souls of the Google Booksearch Settlement hier im immateriblog hingewiesen. Das hat der Perlentaucher weitergegeben, und so ist es wohl bei der FAZ gelandet, des Perlentauchers liebster Feindin. Naja, so lange die FAZ mit ihren Klagen keinen Erfolg hat, dürfen die RedakteurInnen dort ihn ja auch gern weiter als Quelle nutzen.

Schlimm ist allerdings, was sie daraus machen. Thomas Thiel referiert wenigstens einfach Samuelsons wichtigste These:

Die vorgesehene Vereinbarung, resümiert Samuelson, würde Google und dieser Gesellschaft nur das Monopol auf die größte digitale Bibliothek der Welt sichern. Und es beiden ermöglichen, die Bedingungen zu bestimmen, unter denen „verwaiste Bücher“ in digitaler Form publiziert werden können.

So weit, so richtig. Und so einseitig.

Wirklich los geht’s dann bei Sandra Kegel, die unter dem herrlich originellen Titel Unter Piraten (man hört den Friedberger Oberstudienrat entsetzt aufstöhnen) ihr apokalyptisches Wasser nicht halten kann:

Auch die digitalen Raubdrucker schöpfen bereits erbrachte Leistung ab. Wollen wir das Urheberrecht wirklich dem Gratis-für-alle-Gedanken opfern und damit riskieren, dass diese geistferne Zeit noch ärmer wird? Wollen wir die Kreativen ihrem Schicksal überlassen und die bewährten Versorgungswege von Kultur, Information und Wissen aufgeben? Es wäre ein Schritt zurück in die vormoderne Vergangenheit, die nur Zyniker oder Naive herbeisehnen können, nach dem Motto: Künstlertum war schon immer mit Opfern verbunden.

Ist es eigentlich Zufall, dass man von den Leuten, die sich derzeit ein Urteil erlauben über diese ihnen fremde Welt des Digitalen, die das Urheberrecht, ach, vielmehr gleich unsere Verfassung, nein, auch das wäre tief gestapelt: die unsere Zukunft bedroht! – dass man also von den meisten dieser Leute in dem Zusammenhang noch nie etwas gehört hat? Von Kegel jedenfalls ist bekannt, dass sie sich “Innerhalb des Feuilletons [...] für das Thema Familie” interessiert. Gut zu wissen.

Will ich Menschen verbieten, über ein Thema zu berichten, mit dem sie sich nicht schon Jahre beschäftigt haben? Nein. Aber es ist schon erstaunlich, mit welcher Verbissenheit die FAZ ihre Leser manipuliert, indem entweder nur “eine Seite” zur Sprache kommt (Roland Reuß und Konsorten), oder es einfach verschwiegen wird, wenn jemand auch die andere Seite beleuchtet.

Pamela Samuelson, eine der prominentesten Urheberrechtlerinnen der USA und weltweit, ist bekannt als Kämpferin gegen den Urheberrechts-Maximalismus. Dagegen, Schutzrechte im Sinne der Verwerter (der Buch-, Zeitungs- und Musikverlage, der Filmfirmen und der Softwaregiganten) immer und immer weiter auszuweiten. Sie hat sich gegen den berüchtigten Sonny Bono Copyright Term Extension Act ausgesprochen, besser bekannt als Mickey Mouse Protection Act, der keinem anderen Zweck dient, als die Profite der Unterhaltungsindustrie auf Kosten der Allgemeinheit zu sichern und zu steigern. Und sie spricht sich auch in ihrem Aufsatz gegen diese Strategien, gegen diese Akteure aus:

As galling as it is to realize that the BRR and its registered authors and publishers will derive income from millions of books they didn’t write or publish, it is even more galling that copyright maximalists will almost certain dominate the BRR governing board.

“So ärgerlich es ist, dass die BBR (Book Rights Registry) und die registrierten Autoren Einkommen erzielen aus Millionen Büchern, die sie nicht geschrieben oder herausgegeben haben, so ist es doch noch viel ärgerlicher, dass Copyright-Maximalisten das Direktorium der BBR beherrschen werden.” Das schreibt Samuelson.

Und warum? Weil sich der US-Autorenverband alles unternimmt, um die Vorlesefunktion des “Kindle” eBook-Readers zu verbieten, was vor allem Sehbehinderte auf die Barrikaden getrieben hat, und weil der US-Verlegerverband den freien Zugang zu wissenschaftlichen Werken (Open Access) bekämpft:  

(The Authors Guild president, for example, recently complained about the “read aloud” feature of Kindle, denoting it a “swindle,” and a copyright infringement. The AAP is supporting legislation to forbid the National Institutes of Health from promoting “open access” policies for articles written under NIH grants. And of course, the Authors Guild and AAP characterized Google as a thief for scanning books from research libraries.)

Und daher – mit  Vertretern einer derartigen Auffassung - die Chancen schwinden, dass z.B. ”verwaiste Werke” unter Creative-Commons-Lizenzen für jeden frei (ja, auch kostenfrei) zur Verfügung stehen könnten:

If asked, the authors of orphan books in major research libraries might well prefer for their books to be available under Creative Commons licenses or put in the public domain so that fellow researchers could have greater access to them. The BRR will have an institutional bias against encouraging this or considering what terms of access most authors of books in the corpus would want.

Erfährt man von all dem etwas in der FAZ? Selbstverständlich nicht. Im Gegenteil: Open Access, Creative Commons – sind das nicht diese spinnerten und gefährlichen Ideen, die dazu beitragen, dass die “bewährten Versorgungswege von Kultur, Information und Wissen” aufgegeben und die “Kreativen ihrem Schicksal überlassen” werden? Ist das nicht gerade das, wogegen sich der “Heidelberger Appell” wendet und was unser aller Zukunft in Gefahr bringt? Und Frau Samuelson hat nicht nur Verständnis dafür, sondern findet diese Ideen auch noch so gut, dass sie sich darum sorgt, dass sie von Copyright-Maximalisten und dem Google Book Settlement unterdrückt werden könnten? Na, dann verschweigen wir den Teil lieber. Wir sind die FAZ. Die Zeiten sind wirr genug. Unsere Leser erwarten, dass wir ihnen Orientierung bieten. Das tun wir. Und wenn wir noch zehn Artikel dieser Art veröffentlichen - oder besser noch gleich solche von Roland Reuß.

(Mein “educated guess”: Kegel weiß weder, was Open Access ist, noch kennt sie Creative Commons).

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5 Comments so far ↓

  • Ben

    Ich habe mich auch über die innerredaktionelle Spezialisierung von Sandra Kegel gewundert, vermute aber einerseits, dass sich die FAZ-Autoren (qualitäts)journalistisch für so gut ausgebildet halten, dass dort – im Gegensatz zu vielen freischaffenden Bloggern – einfach jeder jedes Thema bearbeiten kann.

    Anderseits befürchte ich, dass auch an dieser Stelle die Redaktion dermaßen zusammengestrichen wurde, dass manchmal eben niemand anderes als die Familien-Expertin mehr da ist, um den Leitartikel zu Urheberrecht und Raubdruckerei zu schreiben. Blöderweise erinnert der Fall auch sofort daran, dass die Internetdebatte selbst in der Bundesregierung von der Familienexpertin und nicht von Fachleuten mit Durchblick bestimmt wird.

    Womöglich waren bei der FAZ die zwei, drei verbliebenen, kompetenten Kollegen im Feuilleton-Büro einfach nicht willens, einen derartig schwachbrüstigen Tendenztext beizusteuern. Wer will es ihnen verdenken…

    Als aufmerksamer Leser des Blattes beschleicht mich momentan jedenfalls mitunter das Gefühl, dass die FAZ in nicht allzu langer Zeit einfach kein relevantes Medium für aktuelle Debatten mehr sein wird, da sie dem handwerklich oft nicht mehr gewachsen ist. Mit Leitartikeln wie dem von Sandra Kegel schreibt sie sich bei mir als aufmerksamen Leser leider völlig ab.

  • Endstation: World Wild Web? « Mythopoeia 2.0

    [...] solange renommierte Zeitungen wie die FAZ und die ZEIT in dem Netz eine pauschalisierten, polemischen  “intellektuelle Finsternis” dem [...]

  • Deutschland degeneriert in ein Entwicklungsland (Teil 2 von 3) » netzwertig.com

    [...] zu veröffentlichen. Propaganda-Nachplapperei, Heuchelei, was die Urheberrechtsdebatte angeht und einseitige Berichterstattung zum “Heidelberger Appell” [...]

  • Alexander Svensson

    Sandra Kegel hat vor Jahren bereits über das Thema Internetverwaltung geschrieben, daher wäre ich nicht ganz so sicher, was die Annahme im letzten Satz angeht.

  • drikkes » Blog Archive » Immer am Boden, nie zerstört

    [...] aber wie Deutschlands Printdino wirklich tickt, ahnt man ja schon länger, jetzt kann man es hier en detail nachlesen. Und sollte man auch. Jedenfalls wenn im Business of Biegen and Brechen [...]

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